„Lenzing – Anatomie einer Industriegründung im Dritten Reich“
Sandgruber-Buch

Unter diesem Titel erschien 2010 ein Buch von Prof. Roman Sandgruber, in dem die Geschichte der Lenzing AG so umfassend wie nie zuvor dokumentiert wird. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge, die zur Gründung der Lenzing AG führten, sind sehr klar dargelegt – die Einbindung von Lenzing in das Wirtschaftssystem des NS-Regimes ebenso. Sehr spannend liest sich auch die Darstellung des Kampfes um die Wiederherstellung des Werkes nach 1945.

Für unser Unternehmen ist das wissenschaftlich recherchierte Werk von großer Bedeutung, weil es einen wichtigen Beitrag zur weiteren Versachlichung dieses schwierigen Themas leistet. Viele Dinge, die bisher nur verschwommen wahrgenommen wurden, sind nun durch die profunde Darstellung von Prof. Sandgruber objektiviert worden.

Das Buch beschreibt auch den Einsatz jener Menschen, die an Lenzing auch in den schwierigen Nachkriegsjahren geglaubt haben. Ohne ihre Leistung würde es dieses tolle, weltumspannende Unternehmen Lenzing heute nicht geben. Letztlich war es aber auch das wirtschaftliche Verständnis der Alliierten und der Banken, die damals die belastete Vergangenheit von der wirtschaftlichen Realität trennen konnten. Auch ihre Leistung sollte heute nicht gering geschätzt werden – ohne diesen wirtschaftlichen Konsens würde es Lenzing heute auch nicht geben.

Im Gespräch mit Pof. Sandgruber: Die Mitarbeiterzeitschrift „Lenzinger“ wollte vom Autor wissen, wo für ihn die Faszination Lenzing’s in der NS-Zeit liegt und warum er gerade unser Unternehmen für eine geschichtliche Aufarbeitung gewählt hat.

R. Sandgruber

Lenzinger: Herr Prof. Sandgruber was fasziniert Sie an der Geschichte von Lenzing? Gibt es etwas Lenzing-Spezifisches, das sich so bei den anderen Unternehmen, über deren Geschichte geforscht wurde, nicht findet?

R. Sandgruber: Die für die Zeit des Nationalsozialismus typische enge Verschränkung von Staat, Partei und Wirtschaft tritt am Beispiel der Gründung Lenzings ganz besonders deutlich hervor: Die Standortsuche in einem alten Industrieraum, die Enteignung der jüdischen Vorbesitzer, der überstürzte Aufbau ohne Rücksicht auf die Kosten, die hervorbrechende Korruption, der „Zellwollimperialismus“ in besetzte und eroberte Gebiete, die Netzwerke der Führungsebene, der Einsatz von Zwangsarbeit, das Frauenkonzentrationslager, der abschließende Verteilungskampf um das Erbe und um die Weiterführung des Werks – das alles in einer einzigen Fallstudie beisammen zu haben, das gibt es kaum in einer anderen Unternehmensgeschichte für diese Zeit. Das Erfreuliche an der Darstellung ist, dass aus dem Chaos des Kriegsendes in Lenzing eine unternehmerische Erfolgsgeschichte werden konnte. Das war nicht nur der Lage in der amerikanischen Besatzungszone und der ausländischen Hilfe zu danken, sondern war auch mit einem harten Sanierungskurs und dem fast völligen Ausscheiden der damaligen Aktionäre verbunden. 1949 waren die grundlegenden Maßnahmen getroffen, war die alte Zellstoff- und Papierfabrik restituiert und konnte das Lenzinger Wirtschaftswunder beginnen. Das ist auch der Grund, warum die Darstellung nicht 1945 endet, sondern bis zum Jahre 1949 führt.

Lenzinger: Sie befassen sich schon seit Jahren mit der Geschichte von Lenzing – gab es Aspekte, die Sie bei Ihrer neuesten Arbeit noch überrascht haben?

R. Sandgruber: Am überraschendsten war zweifellos, dass sich die Unternehmensgeschichte in so viele spannende Teilgeschichten verzweigt, von den Korruptionsfällen aus der NS-Zeit und dem Übernahmeversuch durch den Deutschamerikaner Oskar Kohorn in den Jahren 1947/48 bis zur Todfeindschaft zwischen Generaldirektor SS-Brigadeführer Dr. Schieber und dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes SS-Obergruppenführer Kaltenbrunner. Überraschend war zweifellos die enge Vernetzung der Lenzinger Führung mit den höchsten Ebenen der NS-Bürokratie über die Person des Generaldirektors Dr. Schieber. Aus einer an sich regional- oder lokalgeschichtlich konzipierten Arbeit konnte so eine Darstellung werden, die nicht nur für ganz Oberösterreich paradigmatisch ist, sondern die nach Thüringen, nach Berlin, nach Lodz in Polen, aber auch nach Frankreich und Belgien reicht. Es entsteht eine Darstellung, in deren Fokus nicht nur der Blick auf die Führungsebene, sondern auch auf die Arbeiterschaft und ihre vielfachen rassischen, geschlechtlichen und politischen Abstufungen liegt.

Lenzinger: Der Themenkreis Frauen-KZ-Außenlager Mauthausen ist in Ihrem Werk sehr umfassend beschrieben. Dabei fällt auf, dass Lenzing von allen Übeln, die man den KZ-Häftlingen zugedacht hatte, noch eher das Geringste war. Die Alternative war (statistisch gesehen) der sichere Tod in einem Vernichtungslager. In Lenzing hatte man eher Überlebenschancen. Belastet einen die Recherche dieser grausamen Geschichtsdetails auch nach so langer Zeit noch?

R. Sandgruber: Das Frauen-KZ-Außenlager Lenzing-Pettighofen ist insofern wichtig, weil es das einzige Frauen-Außenlager in Oberösterreich war und weil bis jetzt nicht allzu viel darüber bekannt war und wenn, auch durchaus Unzutreffendes in diversen Publikationen und Internetseiten zu lesen ist. Bei aller Schrecklichkeit der Vorgänge, die es auch in Lenzing gab, war Lenzing für die dort konzentrierten Frauen, die aus Auschwitz nach Lenzing gebracht worden waren, schlussendlich zur Überlebenschance geworden. So wird der Abschnitt über das Konzentrationslager nicht nur, soweit die Quellenlage es zulässt, zu einer minutiösen Darstellung der Vorgänge im Lager, sondern auch zu einer kritisch-methodischen Auseinandersetzung mit der Konzentrationslagergeschichtsschreibung und Erinnerungskultur.

Lenzinger: Wie sind Sie überhaupt bei den Recherchen zu diesem Buch vorgegangen – gab es noch Quellen, die neu waren – welche Rolle spielen Zeitzeugen in so einer Recherche?

R. Sandgruber: Die Quellenlage ist insofern sehr gut und der Großteil der verwendeten Quellen war bislang überhaupt nicht bekannt. Es konnte nämlich erstmals der umfangreiche, viele tausend Seiten umfassende Bestand der Lenzinger Mutterfirma, der Thüringischen Zellwolle in Schwarza an der Saale, der im Thüringischen Staatsarchiv in Rudolstadt aufbewahrt ist, eingesehen und herangezogen werden. Dazu kamen weitere bislang noch nie verwendete Unterlagen aus dem Österreichischen Staatsarchiv, dem Archiv der oö. Gebietskrankenkasse, dem oö. Landesarchiv und aus Berliner und Washingtoner Archiven. Eher klein und unbedeutend ist, was in Lenzing selbst noch vorhanden ist. Zeitzeugen spielen leider kaum mehr eine Rolle, weil die Ereignisse gerade so weit zurückliegen, dass es außer Kindheitserinnerungen kaum mehr jemanden gibt. Aber es konnten doch einige wichtige Informationen auch von Zeitzeugen oder Kindern von Zeitzeugen erfragt werden.

Lenzinger: Wie lange haben Sie insgesamt an diesem Buch gearbeitet?

R. Sandgruber: Die Arbeit wurde 1999 begonnen. Das heißt, das Buch hat selbst eine lange Geschichte. Aber das ist schon gut so. Es sollte ja ein Buch entstehen, das nicht überhastet niedergeschrieben ist, sondern das eine entsprechende inhaltliche und formale Abgerundetheit aufweist und eine entsprechende Aussagekraft, aber auch Lesbarkeit in sich vereinigt.

Lenzinger: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Zum Autor:

Dr. Roman Sandgruber ist ein österreichischer Historiker und Leiter des Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz.

Geb. 1947, seit 1988 o.Univ.Prof. für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz, seit 1995 Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; seit 2001 Präsident des Verbunds oberösterreichischer Museen; 1998-2002 Mitglied der Österreichischen Historikerkommission zur Erforschung des Vermögensentzugs auf dem Gebiet der Republik Österreich während der NS-Zeit sowie der Rückstellungen und Entschädigungen ab 1945. Zahlreiche Bücher und Aufsätze zu Themen der Agrargeschichte, Industriegeschichte, Umwelt- und Alltagsgeschichte; wissenschaftliche Leitung mehrerer großer Landesausstellungen.

Statement vom Lenzing CEO Peter Untersperger

CEO Peter Untersperger

„Es ist wichtig, die Geschichte des Unternehmens, für das wir tätig sind, zu kennen und sich damit auch kritisch auseinanderzusetzen. Dies haben wir in Lenzing bereits in den vergangenen zehn Jahren getan. Vielleicht war es aber notwendig, einige Jahrzehnte verstreichen zu lassen, bis man wirklich offen und ehrlich über die furchtbaren Geschehnisse von damals sprechen konnte. Die heutige Generation der Führungskräfte stellt sich diesen Themen mit Offenheit.

Wir haben uns bekanntlich vor rund 10 Jahren an der humanitären Unterstützung ehemaliger Zwangsarbeiter, die in den letzten Kriegsjahren bei Lenzing arbeiten mussten, beteiligt. Wir wissen natürlich, dass es für menschliches Leid, für Ausbeutung, Schmerz und Demütigung keine wirkliche Wiedergutmachung geben kann. Alles was wir heute tun können hat letztlich nur symbolischen Charakter. Viel wichtiger als jeder Versuch eines materiellen Ausgleiches ist die Erkenntnis, alles zu tun, um eine Wiederholung solcher Geschehnisse zu vermeiden.

Lenzing bekennt sich heute mit Leidenschaft zu den Prinzipien des nachhaltigen Wirtschaftens. Diese Prinzipien beschränken sich nicht bloß auf einen sorgsamen Umgang mit Ressourcen und auf das Erzielen langfristiger wirtschaftlicher Erfolge.

Es sind immer Menschen, die Erfolge ermöglichen – und auch manchmal Fehler machen. Gerade in Kenntnis der historischen Gründungswahrheit der Lenzing AG tragen wir heute eine besonders hohe Verantwortung. Es geht darum, die Menschenwürde zu achten und zu verteidigen. Als global tätiges Unternehmen mit Mitarbeitern aus unterschiedlichsten Kulturkreisen und mit unterschiedlichsten religiösen Bekenntnissen stehen diese Prinzipien bei unserem Handeln an oberster Stelle.

Wer sich nicht zu Toleranz gegenüber anderen Kulturen und anderen Religionen bekennt, wer die Menschenwürde verletzt oder Menschenrechte missachtet hat keinen Platz in unserer Unternehmensgruppe. Dies ist der Auftrag, den wir aus der Vergangenheit in unsere Zukunft mitnehmen. In diesem Sinne leistet das Buch von Prof. Sandgruber einen wichtigen Beitrag, dass wir diese Hypothek verstehen und aus Fehlern der Vergangenheit lernen. Auch wenn wir diese Fehler nicht persönlich zu verantworten haben.“